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12.01.2019 – 16.03.2019 | R E I T E R Leipzig

Monika Grabuschnigg

Fantasy electrifies my hand

Monika Grabuschniggs Ausstellung bei R E I T E R | Leipzig kreist um eine zentrale Frage: Was oder wo ist der Ort der Liebe und Intimität in unserer heutigen Umwelt, die sich zunehmend in virtuell und real teilt?

Aus der Kognitionspsychologie wissen wir, dass romantische Fantasien durch kleinste Details hervorgerufen werden können, beispielsweise die Art, sich durchs Haar zu streichen oder die Grübchen beim Lächeln, welche sozusagen die "Signatur" der ersehnten Person bilden. Die Soziologin Eva Illouz, deren Schriften für Grabuschniggs Arbeit impulsgebend sind, spricht davon, wie heutige durch Technologie vermittelte Beziehungen - via Bildschirm, Internet und Dating-Apps - diese Theorie auf den Kopf stellen: Das Begehren wird nicht mehr durch (vertraute) Gesten aus der Erinnerung geweckt, sondern vielmehr zum Produkt einer vorweggenommenen Vorstellung.
Technologiegestützte Intimität, die nicht mehr auf realer Berührung beruht, ist von anderen, körperlosen Gesten geprägt - vom ‚Swipe’ und ‚Double-Tap’ bis hin zum ‚Direct Messaging‘ (in social media).

Diese Wandlung taktiler Funktionen zeigt sich in Grabuschniggs neuer Werkgruppe von Keramikreliefs, in denen Hände ein wiederkehrendes Motiv sind. In »Place yourself where my eyes can feel, where my skin can see« (2018), verwickeln und verdrehen, streicheln und fühlen sich die fast körperlosen Finger und betonen die viszerale Materialität des Tons, in den sie eingeschrieben sind, was im Widerspruch zur Obsession des digitalen Zeitalters für glatte und weichgezeichnente Dinge steht. Oder betrachten wir »Speeding Through Gestures« (2018), wo sich verzerrte Hände tief in die plastische Masse zu graben scheinen und gleichsam die intensive Körperlichkeit des Arbeitsprozesses der Künstlerin zeigen: das Hochheben, Kneten, Bearbeiten und Glasieren des Tons und ihre Bewegung um die geformten Objekte.

Die Titel der Werke Grabuschniggs sind voller Anspielungen auf Poesie, Soziologie und philosophische Schriften über die Liebe u.a. von Roland Barthes, Alain Badiou und Eva Illouz, um nur einige zu nennen. In Arbeiten aus ihrer Werkreihe von Zeichnungen auf Papier und Ton, wie »Awaiting for the sky to overwhelm« (2018) oder »Rooted in the dark interior of delay« (2018), sehen wir Gruppen nackter Figuren - vielleicht mit Blick auf Renoirs »Badende«? - in vertrauten, aber uneindeutigen Gesten. Ihre Konturen lassen an Momentaufnahmen denken. Gleichzeitig scheint ihnen diese gewisse nervöse Angst innezuwohnen, die die digitale Romantik üblicherweise hervorruft: Wie lange soll man mit dem ‚Double Texting’ warten, wenn das Gegenüber einen mit dem Status „gelesen“ allein lässt?

„Jede Berührung stellt dem Liebenden das Problem der Reaktion: von der Haut wird verlangt, daß sie reagiert”, schrieb Roland Barthes in »Fragmente einer Sprache der Liebe« (1984, wovon der aktuelle Ausstellungstitel abgeleitet ist. So entwickelt sich die Liebe, wie sie uns in Grabuschniggs Werk begegnet, zeitweilig in zwei Dimensionen fort.
Die eine, passend zum digitalen Reich der Datenflüsse, erschafft eine Version von Romantik, die uns die materielle Wirklichkeit zugunsten einer fantasierten vergessen lässt. Die andere wird verkörpert durch die taktile Eingängigkeit der Skulpturen und Reliefs, die durchbrochen, graviert, gebrannt, sprudelnd und schäumend sich haptisch präsentieren.
Monika Grabuschnigg versucht gar nicht erst, Risse im gebrannten Ton zu verbergen. Sie hebt sie sogar hervor, als sichtbare Relikte eines Traumas - oder auch eines kaputten Touchscreens. Ihre Arbeiten umschreiben einen Schwellenbereich, in dem das Begehren zwischen Realem und Imaginärem schwankt, eine Welt, in der sich Fantasie und körperliche Erfahrung gegenseitig aufladen, kollidieren und verschmelzen.

Text: Rachel Walker

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