22.04.2023 – 03.06.2023 | R E I T E R Leipzig

Hans Aichinger

LEERE TIEFE

HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Ekstase« 2022. Öl auf Leinwand, 60 x 52 cm
HANS AICHINGER »Ekstase« 2022. Öl auf Leinwand, 60 x 52 cm
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Ich bin's nicht« 2022. Öl auf Leinwand, 100 x 170 cm
HANS AICHINGER »Ich bin's nicht« 2022. Öl auf Leinwand, 100 x 170 cm
HANS AICHINGER »Ein dunkles Wort« 2022. Öl auf Leinwand, 150 x 100 cm
HANS AICHINGER »Ein dunkles Wort« 2022. Öl auf Leinwand, 150 x 100 cm
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Die List der Vernunft« 2023. Öl auf Leinwand, 85 x 75 cm
HANS AICHINGER »Die List der Vernunft« 2023. Öl auf Leinwand, 85 x 75 cm
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig
HANS AICHINGER »Tiefe Leere« Ausstellungsansicht REITER | Leipzig

Hans Aichinger stellt in seiner Soloschau Arbeiten aus seinem neuesten Werkzusammenhang vor.

Der Frühjahrrundgang der SpinnereiGalerien findet am Wochenende 29. + 30. April statt.
Öffnungszeiten am
Samstag, 29. April von 11 - 18 Uhr
Sonntag, 30. April von 11 - 16 Uhr

Informationen zu weiteren Ausstellungen der SpinnereiGalerien: https://spinnereigalerien.de/


Pneuma (Hans Aichingers Menschen)

I

Die Hüterin sitzt auf einer Kiste. Die Kiste scheint leer zu sein, wohin geht der Blick der Hüterin? Kokoschkas Hände sind Hans Aichingers Augen.
Das Innere des Kastens, auf dem die Hüterin sitzt, liegt aber zum Teil im Dunklen, hölzerne Stöcke ragen ebenerdig aus der Kiste, wie die Stecken, die der sächsische Dichter Wolfgang Hilbig eine Kindergestalt in seiner labyrinthischen Erzählung „Alte Abdeckerei“ aneinanderschlagen lässt, fortwährend aneinanderschlagen lässt. Bei Hilbig verliert sich der Wanderer, der an einem Flüsschen entlanggeht, das ihn immer tiefer in Vergangenheiten und Ruinen bringt, wandert durch Zeiten und Räume, sieht „Tümpel oder Teiche“, eingestürzte Schächte und Fabrikanlagen, die sich mit Wasser gefüllt haben. „…wenn die Dohlen und Eulen vorsichtiger und nervöser von Fenster zu Fenster sprangen in den Ruinen, wenn die Monde schneller rollten, wenn die Nachtgewölke schneller kreisten unter dem Wirbel der Sterne: zu dem sie aufblickten, die Wasseraugen, stoisch und ergeben lugten sie aus der Landschaft hervor, voll eines Wissens um Vergangenheiten, die für begraben galten; müde schauten sie, dunkel und tief, von den Kämpfen schweigend…“
Aichingers Prophet schweigt von den Kämpfen, auch sein Blick schweigt, zieht uns in ein Dunkel, sein Finger erhoben wie ein kleiner schmaler Stecken, die Spitze eines der Hölzer, die aus dem Inneren des Kastens ragen, auf dem die Hüterin sitzt. Keine „Steckenfechterei“, wie Hilbig es nennt. Eher: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, / fürchte ich kein Unglück; / denn du bist bei mir, / dein Stecken und Stab trösten mich.“
Wenn wir als Kinder ins Dunkel schauten, wie einer von Aichingers Menschen (keine Gestalten, keine Figuren, keine Abbilder und Überbelichtungen: Menschen, aber dazu später vielleicht mehr) in die Kiste der Hüterin schauen, auf der die Hüterin nun nicht mehr hockt, fürchteten wir uns zwangsläufig, kam stets die Furcht (there is a light, that never goes out); in einem Traum steckt das Kind, das irgendwann begann ICH zu sagen, „und ob ich schon wanderte im finsteren Tal“, in einer Aschentonne, in einer dieser metallgrauen Henkeltonnen sozialistischer Produktion, auf deren Deckel ein Hexe hockte, die aber keinerlei Ähnlichkeiten mit Aichingers Hüterin hatte, aber auf paradoxe Weise Gesichtslos war, jeder und alles sein konnte und dennoch bleischwer den Deckel niederdrückte, so dass das vor Furcht sich zusammenkauernde Kind kaum mehr atmen konnte im Inneren der Tonne.
Die Hüterin ist die Hüterin der Angst, der Prophet schaut in die Leere mit müden Augen, schaut ins Nichts, das Aichinger gegen das Nichts verteidigt, in das er die Seele legen will, ein dünnes schmales Licht, das dauerhaft über dem Kopf seiner Menschen schwebt, mal sichtbar, mal unsichtbar…


II

Das Licht über einem Dornbusch, Feuer über einem Dornbusch, das sich in das Gleißen von Pyrotechnik verwandelt, das der Prophet mit beiden Händen zu dirigieren scheint, nein, mit den Augen nur, den Bewegungen der Augen (Aichingers Augen sind die Hände Kokoschkas), der Prophet, der vom GEIST (Pneuma) in den Georg-Schwarz-Sportpark in Leipzig-Leutzsch getragen wurde, gesetzt auf eine Bühne, vor eine nebelbraune Wand aus Brettern, Erde oder Luft, was ist das, Materie?, in eine entvölkerte Welt, denn das Stadion ist leer, aber nur für einen kurzen Moment, denn dann füllt es sich wieder, der Prophet hebt den Finger, betastet seine Wunden, sichtbar und unsichtbar, bringt die vermeintlichen Seelenlichter, die aber diesmal nur die Sternchenfeuer der wieder Kind-Gewordenen sind, zum Leuchten, Sprechchöre, die sich wie eine Kuppel über das Rund des Stadions legen, „Chemie, Chemie, nur noch Chemie“, es werden Lichter an der Feste des Himmels!, immer mehr Chöre und Lieder, denn Form ist Ordnung, denn Form gebiert Form, denn Form widersetzt sich jeder Norm, denn Form verbindet das Abstrakte mit dem scheinbaren Realismus, denn Form brennt sich ein in Hintergründe, denn Form verformt sich und ist manchmal nur Vorwand (und auf der Rückbank sitzt Jeeeesus und winkt, weil er weiß, dass er in jedem noch so Dürerschen Hasen enthalten ist), denn Form ist Komposition, denn Form ist immer das Subjekt am Anfang des Satzes, der auch dessen Ende ist, ROT WEISS ESSEN VS SCHWARZ WEISS ESSEN, „nix Essen, Trinken!“, ruft der Prophet von der Tribüne des Georg-Schwarz-Sportparks, benannt nach dem Kommunisten und Widerstandskämpfer Georg Schwarz, der Anfang 1945 von den Nazis ermordet wurde.
Schweigeminute. Und auch die Menschen Hans Aichingers schweigen. Bewegen wie in Zeitlupe die Augenlieder, heben, beinahe somnambul, ihre Hände, Finger, beugen sich und verharren in der Zeit. Die Zeit ist bei Aichinger ein Geheimnis, nicht zu entschlüsseln, Jesus trägt eine Adidas Jacke und die die alten Stäbe und Stecken der Wanderer und Sucher und Weiser tauchen im Heute wieder auf. Die Jünger beugen sich zueinander. WO SIND WIR?
Dachten nicht die Menschen vor dreitausend Jahren noch, sie würden auf einer Art Bühne agieren, im Hintergrund die erdfarbene Zeit, über ihnen die Götter oder der Gott…? WO SIND WIR?
Aichingers geometrische Traumkonstellationen; Figuren, die verharren im Zeitstrom, der Prophet steht auf der Tribüne des Georg-Schwarz-Sportparks in Leipzig Leutzsch, der seit 1993 Alfred-Kunze-Sportpark heißt, benannt nach dem Trainer Alfred Kunze, der die BSG Chemie Leipzig, den sogenannten „Rest von Leipzig“ gegen die übermächtigen Sportclubs 1964 zur Meisterschaft führte. Alte Meister, in der Poesie gibt es (gab es), ähnlich wie in der Malerei, eine sächsische Dichterschule, von der keiner so genau wusste, was sie eigentlich einte. War es eine Genauigkeit der Form? Der Bezug auf so etwas wie Sonette? Die Bezüge zu Mythologie und Antike?


III

Eine Tochter Georg Schwarz‘ heiratete 1958 den (berüchtigten) Kulturfunktionär Alfred Kurella, der angeblich in Moskau währen der großen Säuberungen seinen eigenen Bruder denunziert haben soll. Kurella musste vier Jahre nach Kriegsende in der Sowjetunion ausharren, irgendwo im Ural, jener magnetischen Grenze zwischen…, musste ausharren, weil das üblich war, wenn man zu tief in Nachrichtendienstliches verstrickt war. Was tat er in dieser Zeit? Hinterfragte er seine Propheten? Blickte er über die Gipfel der Berge und suchte Gott und fand nur Stalin? Verharren in der Einsamkeit, verharren in der Stille. Der Didakt Kurella, der die Urstoffe der Kunst lange verleugnete, aber dann doch erkannte, weil das ewige „Wozu Literatur, wozu Kunst“ dann doch keine didaktischen Antworten zuließ, der Klassenkampf war ausgekämpft, die Opfer waren gewaltig, vielleicht träumte auch er davon, sich in eine Höhle zurückzuziehen, die Wände zu bemalen, nichts anderes…
Kurella war einer der Gründer des Literaturinstitutes Johannes R. Becher in Leipzig. Heute liegt das Nachfolgeinstitut des Becher-Instituts direkt gegenüber der Hochschule für Graphik und Buchkunst, an der Aichinger als Student und auch Lehrer tätig war. Lehrer und Schüler? Student? Der Versuch Kunst zu institutionalisieren ist immer nur ein Vorwand, hoffentlich immer noch und immer weiter ein Vorwand, um Begegnungen zu erschaffen, Künstler zusammenzuführen, die durchaus auch lehren können, lernen können, begreifen können, weitergeben können, dass Moderne ohne die Fundamente der alten Meister (nun also doch!) nicht möglich ist, dass Spuren einer Moderne schon bei den alten Meistern (wir meinen die immer jungen Maler der Geschichte, die alten und damals neuen Künstler, hunderte Jahre blicken wir zurück, beinahe tausend schon, wer will schon Meister sein, wenn er doch immer wieder der Zauberlehrling ist, der alles überschwemmt…) erkennbar sind, die ebenso suchend in die Himmel blickten, über die Berge blickten; Spuren einer Moderne. Es würde mich nicht wundern, wenn demnächst auf einem der Bilder im Prado erkannt werden würde, dass einer der Menschen auf einer der Leinwände nun (plötzlich oder immer schon) eine Adidas-Jacke trägt (der richtige Konjunktiv spielt hier keine Rolle, es geht um Sound). „Adidas mach Hosen nass“, singen die Kinder, „Puma-Socken machen se wieder trocken!“
Sind wir in einer Höhle? Wände, braun und erdig. Sind da Schatten an den Wänden? Was sehen Aichingers Menschen an den Wänden? Platons Pneuma.
Auch der alte Philosoph hebt den Finger, trägt aber einen dichten weißen Bart, der Aichingers Man who sold the world noch wachsen wird in der Zukunft, noch ist nur ein dünner Strich über der Oberlippe zu erkennen…
Ein Schatten fällt in die Höhle, fällt auf den Jungen, der vor einer der Höhlenwände steht. Es ist der Schatten, der von dem in seiner Brust steckenden hölzernen Stecken auf seine nackte Brust fällt. Kein Blut. Kein Gleichnis. Platon tritt ein in die von ihm erschaffene und beschriebene Höhle, ist wieder jung und trägt eine Adidas-Jacke. WIR SOLLTEN WIEDER MEHR SKAT KLOPPEN! Pik As bedeutet Tod, aber auch Wiederkehr. ALLE SOLLTEN WIEDER GEMEINSAM SKAT KLOPPEN, EINFACH NUR SKAT KLOPPEN! Sehnsucht nach Einfachheit.
Im Skat finden wir Logos aber auch Zufall. Glück. Crime and punishment. Proletarische Träume…
Damit der logos wirken könne, würde er durch das „Feuer“ materialisiert. Wenn das „Feuer“ sich mit der „Luft“ verbände, einem weiteren Urstoff, würde daraus ein warmer Hauch oder pneuma. Bei Aichinger wird dieser Hauch sichtbar. Leuchtet förmlich um seine Menschen.
Einer dieser Menschen, eine junge Frau, trägt eine Art Teeschale auf dem Kopf, einen Kelch, und dorthinein tropft das Blut, unsichtbar. Wie auch die Wunden nicht sichtbar sind.
Oder dient der Kelch, um den Hauch einzufangen?
Blicken wir in den Himmel, der hier die Höhlendecke ist, müssen wir den Kopf in den Nacken neigen, werden alles verschütten. Also: „Augen geradeaus! Rührt euch!“


Clemens Meyer, 2023


Einige der im Text erwähnten Werke von Hans Aichinger entstanden in jüngerer Vergangenheit und liegen denen in der Ausstellung gezeigten Arbeiten unmittelbar voraus.