10.09., 17:00 UhrEröffnung am Donnerstag, 10. September 17 – 21 Uhr. Öffnungszeiten während der Berlin Art Week 11. – 13. September (Freitag – Sonntag) 12 – 18 Uhr
Wanda Stolle, Vorhang III, 2026. Tusche auf Aquarellbütten, 141.6 cm x 104.4 cm
Wanda Stolle, Vorhang I, 2026. Tusche auf Aquarellbütten, 151.5 cm x 105.6 cm
Wanda Stolle, Vorhang II, 2026. Tusche auf Aquarellbütten, 142.5 cm x 104.3 cm
LOOSE ENDS
Wanda Stolles Arbeiten entwickeln sich aus der Verschränkung von Zeichnung, Relief und Skulptur. Ihre Werke lassen sich weder eindeutig der Fläche noch dem Raum zuordnen; vielmehr bestehen sie auf einem Zustand medialer Übergängigkeit, in dem zeichnerische, malerische und plastische Verfahren ineinandergreifen. Für Loose Ends versammelt Stolle Zeichnungen und eine neue Wandskulptur, die in unterschiedlicher Weise um Fragen von Faltung, Schichtung, Oberflächenwirkung und räumlicher Artikulation kreisen. Innerhalb der ausgestellten Zeichnungen kommt den Vorhängen eine besondere Funktion zu. Sie sind nicht lediglich als Motiv zu verstehen, sondern als formales und konzeptuelles Dispositiv. Der Vorhang strukturiert Sichtbarkeit: Er verhüllt und exponiert, markiert eine Schwelle und organisiert das Verhältnis von Vorder- und Hintergrund, Oberfläche und Tiefenraum. In Stolles Bearbeitung wird diese traditionsreiche Form der Draperie aus dem gegenständlichen Zusammenhang gelöst und in ein abstraktes Vokabular überführt, das sich aus Faltenzügen, Verdichtungen, Achsen, Einschnitten und Verschiebungen aufbaut. Die Zeichnungen entstehen in einem Verfahren, das das Papier nicht als neutralen Bildträger behandelt, sondern als Material, das Widerstand leistet und plastisch modelliert werden kann. Stolle ritzt, schneidet, schabt und schleift die Oberfläche, tränkt sie mit Tusche, Schellack und weiteren Malmitteln, wäscht Partien wieder aus und erzeugt auf diese Weise ein dichtes Gefüge aus Einschreibungen und Tilgungen. Die Blätter gewinnen dadurch eine ausgeprägte physische Präsenz. Linie erscheint hier nicht primär als konturierendes Element, sondern als Spur eines Eingriffs; Fläche nicht als geschlossener Grund, sondern als Zone von Verdichtung, Verletzung und Überarbeitung. Die Vorhänge sind in diesem Zusammenhang als Bildordnungen zu lesen, in denen sich zeichnerische Setzung und skulpturales Denken wechselseitig durchdringen. Kennzeichnend für Stolles Arbeiten ist darüber hinaus die differenzierte Behandlung tonaler Werte. Aus einer auf Schwarz, Weiß und ein vielschichtiges Spektrum von Grautönen reduzierten Farbigkeit entwickelt sie Oberflächen, in denen matte und glänzende Zonen, diffuse Übergänge und harte Kontraste aufeinandertreffen. Die modulierenden Grautöne übernehmen dabei nicht nur eine atmosphärische Funktion, sondern sind wesentlich für die räumliche Organisation der Arbeiten. Licht und Schatten erscheinen nicht als nachgeordnete Effekte, sondern als konstitutive Bestandteile der Werkgenese. Die neue Wandskulptur führt diese Fragestellungen im Raum fort. Inspiriert ist die Wandskulptur von Maria Knotenlöserin, dem Augsburger Gnadenbild von Johann Georg Melchior Schmidtner aus der Zeit um 1700, dessen Motiv des Lösens und Entwirrens hier in eine abstrakte, bandartige Form überführt wird. Zugleich knüpft die Arbeit an Stolles frühere Skulpturen an, deren verschlungene Bewegungen den Eindruck schwebender Dynamik erzeugen. Das aus Biegeholz gearbeitete und mit Graphit überzogene Objekt bündelt Drehung, Spannung und Faltung in einer komplexen räumlichen Figur. Wie in den Zeichnungen wird auch hier das Verhältnis von Fläche und Volumen, Innen- und Außenseite, Kontur und Masse nicht stabil gesetzt, sondern in ein bewegliches Gefüge überführt. Der Titel Loose Ends verweist entsprechend nicht nur auf ein Formvokabular des Offenen, Gelösten und Unabgeschlossenen, sondern auch auf eine Methode. Stolles Arbeiten zielen nicht auf formale Schließung, sondern auf Zustände der Suspension, in denen sich Ordnungen bilden und zugleich wieder entziehen. Gerade darin liegt ihre Präzision: in der konsequenten Befragung jener Übergänge, an denen Zeichnung in Objektform umschlägt und sich Skulptur als räumliche Artikulation dieser Prozesse ausbildet.