Alban Muja, Time and Transformation, als Ausstellungsflyer

Alban Muja The Politics of What Remains

Leipzig 31.10.–19.12.2026

Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
Alban Muja, Blurred Legalities, 2024. Aquarell auf Papier, 60 cm x 42 cm
Alban Muja, Blurred Legalities, 2024. Aquarell auf Papier, 60 cm x 42 cm
Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
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Alban Muja, Blurred Legalities, 2024. Aquarell auf Papier, 60 cm x 42 cm
Alban Muja, Blurred Legalities, 2024. Aquarell auf Papier, 60 cm x 42 cm
Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
Alban Muja, Blurred Legalities, 2024. Aquarell auf Papier, 60 cm x 42 cm
Alban Muja, Blurred Legalities, 2024. Aquarell auf Papier, 60 cm x 42 cm
Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
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Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
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Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
Ausstellungsansicht, Alban Muja, The Politics Of What Remains, REITER | Leipzig 2026
Die Architektur der Erinnerung - Alban Mujas „The Politics of What Remains“

Der in Dresden geborene Theologe und Dichter Christian Lehnert erzählt im Nachwort seines kleinen Buchs mit Tischreden Martin Luthers eine Anekdote, die einiges über die Kraft kollektiver Erinnerung andeutet: „Als ich einige Jahre im Osterzgebirge Pfarrer war, erzählte mir einer der älteren Amtsbrüder, wie sich in seiner Kirche alle Männer beim Betreten des Vorraums zunächst andächtig vor einer weißen Wand verneigten. Niemand konnte Gründe dafür benennen." Erst als die Kirche irgendwann restauriert wurde, sei hinter der Wand in Blau und Rot ein Marienfresko erschienen, berichtet Lehnert weiter.
Ein Bild ist verschwunden, die Erinnerung daran verblasst, löst sich auf und doch übersteht sie die Jahrhunderte im Ritual – eine Parabel für ein widerständiges kulturelles Gedächtnis und, wie Lehnert schreibt, die Kraft der „dinglichen Gefäße der Erinnerung“. Ähnliche Geschichten werden von verschiedenen Kirchen in Europa erzählt – an Orten, in denen die Reformation stattfand. Das Übermalen der Zeugnisse katholischer Heiligenverehrung war noch eine der harmloseren Maßnahmen im Zuge jener großen Kunstzerstörungswelle im 16. Jahrhundert, die als „Reformatorischer Bildersturm“ in die Geschichte einging. Insbesondere in Zeiten gesellschaftlicher Umwälzungen waren und sind Kunstwerke nicht nur propagandistische Instrumente sondern auch Ziel von Angriffen.

Was bleibt, was kommt weg, und wer entscheidet darüber? Wie gehen wir mit komplizierteren und schmerzhaften Vergangenheiten um, und wie schreiben sie sich ein in die Seelen der Menschen? Was verbindet uns über Zeiten und politische Systeme hinweg? Solche Fragen durchziehen das Werk des kosovarischen bildenden Künstlers und Filmemachers Alban Muja. In seiner Kunst beschäftigt er sich mit den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen im Kosovo, untersucht, wie diese fortwirken. Seine Ausstellung „The Politics of What Remains“ bringt viele dieser Themen zusammen. Ihr Zentrum bildet „Time and Transformation“, eine Arbeit, in der es um Abwesenheit, Erinnerung und eine Rückkehr geht.
Ihre Vorgeschichte beginnt in den frühen Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, als in der Mitte von Alban Mujas Geburtsstadt Mitrovica im Norden des Kosovo eine Metallskulptur aufgestellt wird, die von Gleichberechtigung, Bildung und Arbeit kündet. Das Land, zu dem der Kosovo damals gehört, heißt Jugoslawien. Das etwa fünf Meter breite und 3,60 Meter hohe Monument zeigt die Umrisse einer Frau und zweier Männer; sie halten Werkzeuge, eine Taube und ein Buch. Sozialistische Aufbruchstimmung. Der Werk stellt sich nicht als Wand vor die Welt, man kann hindurchsehen – auf den Himmel, Menschen, Gebäude. „Für viele war es ein stilles Symbol der Stadt, Teil des Alltagslebens – ein Ort, an dem sich Menschen trafen, arbeiteten und vorbeikamen“, sagt Alban Muja, der 1980 geboren wurde und bis zum Alter von 18 Jahren in Mitrovica lebte, einer Stadt die einst für Industrie und Bergbau stand. Auch davon erzählt das Denkmal – bis 2010.

In diesem Jahr verschwindet es infolge einer politischen Entscheidung der Stadt. Was damit passierte, weiß bis heute niemand. Diese Abwesenheit ist für Muja Ausgangspunkt einer künstlerischen Langzeit-Reflexion, die verschiedene Wege nimmt. Ihn interessiert, was mit öffentlichen Objekten passiert, wenn das politische System, das sie produzierte, nicht mehr existiert. Das Verschwinden des Denkmals in Mitrovica stehe für umfassendere Veränderungen, die im Kosovo und in der Region stattfanden, sagt Muja. Für ihn sind Bildung, Arbeit und Gleichberechtigung Ideale, die über die Zeiten und politischen Systeme hinweg ihre Bedeutung behalten. Keineswegs wolle er die die Vergangenheit romantisieren – „natürlich nicht, da die Albaner im Kosovo selbst in dem, was manche als ,normales Jugoslawien’ bezeichnen würden, Diskriminierung und Unterdrückung erlebten“. Es sei aber wichtig, zwischen dem System, das ein Denkmal hervorgebracht hat, und den Werten, für die dieses stand, zu unterscheiden.
2021 nimmt das Projekt erstmals Gestalt an. Unter dem Titel „Moving Monument“ zeigt Muja bei der Autostrada Biennale in Prizren eine kleinere Version des verschwundenen Denkmals, 3,85 mal 2,50 Meter groß. „Ich hoffte, dass die Präsentation in einem neuen Kontext die Diskussion über sein Fehlen wieder in Gang bringen und zu seiner Rückkehr beitragen würde.“ Und tatsächlich: 2023 kehrt eine Version des Denkmals in Originalgröße an den früheren Standort in Mitrovica zurück, unterstützt auch von jener Partei, die einst seine Entfernung betrieb. „Moving Monument - Moving Back" ist die Aktion überschrieben. In der Stadt befindet sich nun gewissermaßen ein altes und ein neues Denkmal zugleich. Sein Verschwinden und seine Rückkehr sind zu einem Teil des kollektiven Gedächtnisses der Stadt geworden.

In Leipzig ist das sich bewegende Denkmal in seiner kleineren Version zu sehen, allerdings nicht als Ganzes, sondern in sechs Teile zerlegt – dekonstruiert, seines ursprünglichen Zusammenhangs enthoben und neue Beziehungen eingehend, mit sich selbst und dem Ort, an dem es gezeigt wird. Fragmente, die unterschiedliche historische und politische Bedeutungen in sich tragen, und nun in neuem Kontext ein grundsätzliches Nachdenken über Denkmäler, politischen Wandel und den Umgang von Gesellschaften mit ihrem historischen Erbe ermöglichen.
Die Zerlegung des Denkmals verweist auch auf Struktur und Dynamik von Erinnerung, die ja ein aktiver, von gegenwärtigen Umständen, Bedürfnissen und Erfahrungen geprägter Prozess ist. Hinterfragt werde so die Vorstellung von Geschichte als vollständigem, stabilem Bild, so Muja. Was wir sehen, sind fast Abstraktionen: Beine, Oberkörper, Buch, Taube, Werkzeug. Ein solcher Umgang mit Form, Zeit und Raum trägt durchaus traumhafte Züge. Alban Muja: „Träume bringen Fragmente und Erlebnisse zusammen, ohne notwendigerweise eine vollständige oder logische Erzählung zu bilden. Etwas bleibt erkennbar, aber Kontext und Bedeutung verschieben sich. Das kollektive Gedächtnis funktioniert ähnlich: Wir erben Fragmente der Vergangenheit und rekonstruieren kontinuierlich ihre Bedeutung.“
In zwei weiteren Werkreihen spielt Muja das Thema der Transformation mit ganz anderen Mitteln durch: In der 13-teiligen Serie „Blurred Legalities“ geht es um sich nach dem Krieg 1998/99 rasant wandelnde urbane Landschaften im Kosovo. Viele Menschen zogen in die Städte, eilig wurden Häuser erweitert, aufgestockt. Es entstand eine Architektur, bei der die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität verwischen, Muja malt diese Häuser oder besser: deutet sie an. Die Improvisation der Menschen in instabilen gesellschaftlichen Verhältnissen spiegelt sich in der Unberechenbarkeit der Aquarelltechnik, die der Künstler anwendet. Die Gemäldereihe „Brotherhood“ wiederum untersucht ein Phänomen der kosovarischen Gesellschaft: Familienhäuser als Repräsentationen männlicher Identität, Stolz und Status. Insbesondere in Vorstädten und auf dem Land, trifft man auf nahezu identische Bauten für jedes männliche Familienmitglied, Stein gewordener Ausdruck patriarchalischer Tradition und der Bedeutung der männlichen Abstammungslinie. Eine Häuserlandschaft, in der individuelle Vorstellungen in kollektiven Mustern aufgehen.

Die gedankliche Architektur dieser vielstimmigen Ausstellung über das Bleiben und Verschwinden, über kollektive Werte und das kulturelle Gedächtnis findet in Leipzig einen offenen Baugrund. Seit vielen Jahren wird in der Stadt die Debatte geführt, wie mit in der DDR entstandener Kunst für den öffentlichen Raum zu verfahren sei, und sie ist noch lange nicht zu Ende. Viel ist schon verloren gegangen. Mehr und mehr setzt sich aber die Erkenntnis durch, dass man es mit bedrohtem kulturellen Erbe zu tun hat – und keineswegs allein mit Insignien eines untergegangenen Gesellschaftssystems, für das zwischen nostalgischer Verklärung und posthumer Total-Negation nur wenig Denkraum zur Verfügung zu stehen scheint. Vergangenheit verschwindet nicht, indem man sie abbaut oder übermalt.

–– Jürgen Kleindienst, 2026


Mit freundlichem Dank an die Botschaft der Republik Kosovo in Berlin und die Autostrada Biennale in Prizren für die Unterstützung dieser Ausstellung.


Alban Muja (geb. 1980 in Mitrovica) ist ein kosovarischer bildender Künstler und Filmemacher mit Wohnsitz in Berlin und Prishtina. Seine künstlerische Praxis ist wesentlich von den sozialen, politischen und ökonomischen Transformationsprozessen des Balkanraums geprägt. Im Zentrum seiner Arbeiten stehen Geschichte, Erinnerung und gesellschaftspolitische Fragestellungen, die er mit gegenwärtigen Entwicklungen im Kosovo in Beziehung setzt. Muja vertrat die Republik Kosovo auf der 58. Biennale von Venedig mit dem Projekt Family Album, das sich mit Vertreibung und Identität auseinandersetzt. 2022 nahm er an der Manifesta 14 in Prishtina teil. 2025 war er mit dem Filmprojekt Mua besoj më shpëtoj portreti (I believe the portrait saved me) im Programm von Forum Expanded der 75. Internationalen Filmfestspiele Berlin vertreten.