CLEMENS TREMMEL »endless, nameless« Ausstellungsansicht REITER I Berlin

Clemens Tremmel endless, nameless

Berlin 27.04.–17.06.2023

CLEMENS TREMMEL »endless, nameless« REITER I Berlin
CLEMENS TREMMEL »endless, nameless« REITER I Berlin
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CLEMENS TREMMEL »endless, nameless« REITER I Berlin
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Der 1988 in Eisenhüttenstadt geborene Clemens Tremmel gilt als Hauptvertreter einer „Neuen deutschen Romantik“. Allerdings versucht der 2013 mit dem Caspar-David-Friedrich-Preis ausgezeichnete Künstler die (alt-)meisterliche Anmutung seiner Gemälde gestisch zu brechen: scharfe und schwere Werkzeuge sind seine Gehilfen, wenn er treffsicher Spuren von Zerstörung auf ihnen hinterlässt.
Tremmel fühlt sich als Maler. Seine Bilder erscheinen zunächst im Duktus historisch – eine präzise wie großräumige Malweise samt ihrer Symbolik als Ort der Sehnsucht und Vollkommenheit. Mit auf Bildträger wie Aluminiumplatten oder Textilien aufgetragener Ölfarbe forciert er die Wende zu Konzeptkunst und Bildhauerei. Mitunter sind es Installationen, die von diesen Ausflügen an den kreativen Rand seines Werkes erzählen. Seine inspirative Kraft erhält der Künstler vor allem durch das kontinuierliche weltweite Reisen und dabei empfundene Grenzerfahrungen.

Es sind vor allem die Kräfte der Natur, die er später im Atelier ins Malerische übersetzt. Dort, könnte man anschließend sagen, kommen sie uns vertraut vor. Warum? Mit seinen Landschaften knüpft er an die Bildtradition der Fotografie an, die 1826 durch die Franzosen Joseph Nicéphore Niépce und Louis Daguerre ihr erstes Foto erhielt. Seine Gemälde wirken wie ein Schnappschuss, doch ist dieser gleichfalls konstruiert. Ein Bildzentrum fehlt bewusst. Alles ist asymmetrisch angeordnet. Also doch eher altmeisterlich angelehnt? Der Verzicht auf Zentralperspektive überträgt sich hier von der Kunstgeschichte auf das Weltverhältnis.
Der Vergleich mit Sujets eines Caspar David Friedrich (5. September 1774 in Greifswald, † 7. Mai 1840 in Dresden) drängt sich förmlich auf. (Auch wenn man nicht weiß, dass Clemens Tremmel bereits 2013 mit dem renommierten Caspar-David-Friedrich-Preis ausgezeichnet wurde.) Denn war es doch eine ins Unendliche gerichtete Sehnsucht nach Heilung der Welt und Zusammenführung von Gegensätzen zu einem harmonischen Ganzen, die in der deutschen Romantik zur treibenden Kraft wurde. Und Tremmel scheint die komplexe romantische Weltordnung als eine Art Universalpoesie zu beherrschen. So gehören die Ingredienzen gleichfalls auch zu seinem Repertoire: Leere, Mystik und Nebel als suggestive Elemente Tremmel’scher Kunst. Sein Vorgehen ist dennoch anders! Als Zeitgenosse bricht er mit naturalistischen Traditionen. Aus der Entfernung kompensiert das menschliche Auge Tremmels abstrakt gemalte Bildteile, und seine Landschaften sind dabei teils nur angedeutet in punktuell austretendem Licht und teilweise in volltönend leuchtenden Farben im Ausdruck aufscheinender Energie gefasst.
Altmeisterlich und gestisch abstrakt sucht er danach, den glatten Eindruck eines pathetischen Panoramas zu brechen. Axt, Säge, Stichel und Hammer sind dabei seine Instrumente. Der Pinsel ruht, wenn Clemens Tremmel seine Werke bearbeitet und dabei treffsicher Spuren von Zerstörung auf seinem in Öl gemalten Motiv hinterlässt. Mit ausgesägten Leerstellen im Bildträger, dem kompositorischen Zerkratzen sowie Überschreiben, Übermalen und Vernebeln von Bildteilen verweist der Maler dabei bildhaft auf Defizite. Seine Werke wirken vielmehr wie die Überwindung zur Zerstörung der Ganzheitlichkeit. Wieso eigentlich? Durch sein Vorgehen stehen sich alte und neue Welt gegenüber und dabei erscheint es so, als ließe er die alten Meister zu Wort und ebenso neuer Geltung kommen. Zugleich behauptet Tremmel dabei nicht nur das Spannungsverhältnis von Schöpfung und Zerstörung, sondern der Prozess von Vergehen und erneuter Evolution scheint in seinen Werken in diesem Moment angehalten; als wolle auf den Stillstand der völlige Bruch oder das Bersten folgen. Ein Moment, der auch nachhaltig im Betrachter wirkt und nicht nur Tremmels physische Werke monumental werden lässt.

„Ich überschreite eine Grenze, indem ich das, woran ich glaube, im nächsten Moment wieder einreiße. Ich agiere also meinem Idealismus zuwider – übe an ihm Verrat, stelle ihn infrage. Es ist in etwa so, als würde man sich ins eigene Fleisch schneiden und dann zuschauen, wie die Wunde wieder zuwächst. In jedem Fall weiß man nachher, was man erlebt hat – und das finde ich spannend.“ beschreibt er diese Vorgehensweise.
Und seine Motive? „Die finde ich an Orten, bei denen ich erahne, fasziniert oder überwältigt zu werden - vor denen ich ganz einfach in einen Strudel gerate. Bestimmte Sujets, die mir vielleicht auch erlauben, Bestandteile der Landeskultur in die Komposition zu integrieren.“ Im Mittelpunkt steht dabei der tiefe Eindruck, den Naturgewalten hinterlassen. „Auf Island hatte ich zum Beispiel das Gefühl: Da bricht gleich alles aus. Man merkt quasi, dass man auf einem Vulkan steht, der nur schlummert. Diese Kraft, die mir aus solchen Gefühlen erwächst, möchte ich weitergeben. Zuletzt in Jordanien hingegen waren die Eindrücke durch die allgegenwärtige Ornamentik viel verspielter. Ich kam mir vor wie in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Und beim Malen tauchten dann mit einem Mal Figuren auf, die wie ein Mosaik wirkten. Es entstand aus unterschiedlichen Mustern also ein Bild im Bild – und daraus erwuchs dann auch wieder der Wille, das alles zu brechen. Ich legte es also darauf an, wieder aus meinem Muster herauszufallen.“

Worum geht es Clemens Tremmel also genau? „Es geht jedenfalls nie darum, einfach ein Abbild von etwas zu erschaffen, sondern immer darum, ein Gefühl wiederzugeben, das ein bestimmter Ort auslöst – den Moment einzufangen. So dass man, wenn man vor dem Bild steht, in diesen Moment eintauchen kann. Das kann auf naturalistischem oder auch auf abstraktem Wege geschehen. Den Unterschied machen die Mittel, die ich mir erarbeite.
Ich habe mich immer gefragt: Wie kann ich meine Sehnsucht noch besser verdeutlichen? Wie kann ich mein Thema noch stärker ins Bewusstsein des Betrachters rücken? So habe ich damit begonnen, im Nachhinein Teile meiner Bilder wieder zu übermalen oder zu löschen. Nachdem ich also für mich das Ideal geschaffen habe – das, was ich darstellen musste, woran ich selbst glaube –, negiere ich es auf Basis eines selbstgeschaffenen Action-Scripts wieder. Was mir natürlich auch Schmerz zufügt. Dennoch: Innerhalb von fünf Minuten zu zerstören, woran ich einen Monat lang gearbeitet habe, wurde zum wesentlichen Aspekt meiner Arbeit.“



– Sebastian C. Strenger (Zitate von Clemens Tremmel)